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INTER-PASSION
Elise Florenty & Marcel Türkowksy
 
Eröffnung | Sa, 04. Februar 2017, 19 Uhr
Ausstellung | 05. Februar – 18. März 2017
 
Der Kaktus ist Meister der Überlebenskunst, er trägt ein Amulett der Wüstenkrieger und verändert das menschliche Bewusstsein, er bietet Momente der Kontemplation, er schützt und schmückt die Schaufenster in  den Wartezimmern der Geschichte. Er tanzt in Fernsehsendungen, wo er mexikanisch, wenn nicht sogar japanisch zu sprechen scheint... Als tragikomischer Held kleiner Katastrophen kann er den Gesetzmäßigkeiten, den natürlichen und künstlichen Fesseln, nicht entkommen.  Ist es sein Stachelkostüm des ewigen „Guerrero“, eingefroren in einer Art von Selbstverteidigungsposition, die sein eigentliches Selbst offenbart? Was veranlasst den Menschen, ihn als "Alter Ego" zu erkennen? Ein unerschrockener Komplize für den Widerstand?
 
In ihrer Einzelausstellung Inter-passion spannen das Filmemacher- und Künstlerduo Elise Florenty & Marcel Türkowsky einen Bogen von der Fabel zur Farce und präsentieren eine Auswahl von neuen Arbeiten, die sich mit der Beziehung des Menschen zum Kaktus auseinandersetzen. Mit einem kritisch-affirmativen Blick auf diese Inter-Passion zwischen Mensch und Kaktus, und im Besonderen darauf, wie Form und Materialität des Kaktus die Handlungen und Gemüter der Menschen beeinflussen, untersuchen die Künstler das subversive Potenzial der Repräsentation jener Wechsel-Beziehung. Dabei weisen sie auf Rollen- und Perspektivwechsel sowie Verschiebungen von Machtverhältnissen hin, indem sie Methoden der Nachahmung, des Lehrens und der Besitzergreifung wiederholend einsetzen.  So liegt dem allem eine doppelte Spiegelung zugrunde, in der der Kaktus "vermenschlicht" und der Mensch "kaktussifiziert" wird.
 
Angetrieben durch die Spannung zwischen Botamorphismus und Phytocentrismus erzeugt die Ausstellung einen Taumel durch diverse Geographien (vom Yakushima Wald in die Sonora Wüste), wo skurile Ereignisse und globale Gesten aufeinander treffen. Die Ausstellung zeigt ihren neuesten, in Japan gedrehten Film Conversation with a Cactus (2017, 45min) sowie verschiedene "narrative nuclei" Installationen – von High Definition Video, Zelluloid zu Postkarten und mobilen Schiebemechanismen – die rhetorische und metaphorische Aspekte des Filmes aufgreifen und erweitern.
 
Elise Florenty & Marcel Türkowsky  verschränken diskursive und sinnliche Elemente zwischen fiktionalen, dokumentarischen und performativen Darstellungsformen. Sie legen ihren Fokus an den Rand einer sichtbaren Welt, an jenen Ort, wo sich die Welt entzieht und hinterfragen hierbei die moderne Trennung zwischen Mensch und Nicht-Mensch, Belebtem und Unbelebtem, Verbalem und Nonverbalen. Mit dem Blick auf mögliche Formen des Widerstandes und des Überlebens, ist es stets das Potenzial der Randfigur, durch die die Künstler mit außergewöhnlichen Gemeinschaften des Denkens und der Affekte in Verbindung treten.
 
Für ihren neuen Film Conversation with a Cactus (2017) lebten Florenty & Türkowksy drei Monate in Tokio, um dort das legendäre Hashimoto-Experiment der 1970er Jahre wiederzubeleben. Bei dem Experiment versuchten ein Wissenschaftler und seine Frau einem Kaktus das japanische Alphabet beizubringen, indem sie mithilfe eines Lügendetektors seine Reaktionen in Klänge umwandelten und ihm somit eine Stimme verleihten. So entstand die Idee, die Pflanze potentiell als Zeugen in zukünftigen Ermittlungen von Verbrechen einzusetzen.
 
Durch die Rolle der Protagonistin Mei verbindet der Film neue Technologien mit kulturellen Traditionen: Mei, eine junge japanische Frau, die an Schlaflosigkeit leidet, lebt in einem Vorort von Tokio, einem Umfeld, das für seine animistische Traditionen, Ultra-Technologien und eine „Politik des Schweigens“ bekannt ist. Zwei Jahre nach dem nuklearen Gau, begibt sie sich auf eine schamanische Reise, auf der sie das Selbst und das Fremde, Mythos und Geschichte, Wahrheit und Lüge hinsichtlich des Hashimoto-Experiments auf halluzinative Art und Weise erforscht.
 
Der Kaktus als Zeuge wird hier zu einer Metapher für eine nicht-menschliche, materielle Existenz im irrationalen Fluss von Signalübertragungen, zu einer stacheligen Subjektivität, die sich weigert, die Sprache der Menschen zu sprechen. Indem Florenty & Türkowksy verschiedene Erzählungen miteinander verweben, reflektieren sie das fragmentierte Wesen der filmischen Sprache und suchen nach alternativen Kommunikationsformen mit der Natur, ganz gleich wie absurd sie auch sein mögen. Sie schlagen eine nicht enden wollende Spirale von Verwandlungen vor, in der sich die Hashimoto-Legende und ihre verheißungsvolle Realität nur im "Traum einer Schlaflosen" zu enthüllen vermag. Wie auch in anderen Arbeiten beziehen sich Florenty & Türkowsky hier auf den Anthropologen Viviero de Castro: "one is never certain whose point of view is dominant, which world is in force when one interacts with other beings." Und plötzlich ruft der Kaktus: „Wer schreit denn da so in meinem Traum?“
 
In Kaktos Atlas (2016-1017) entwickeln die Künstler die im japanischen Puppentheater verwendete Technik des Dogugeashi weiter: Durch eine Reihe von Schiebetüren werden mehrere austauschbare Hintergründe für eine Szene erzeugt, einerseits für die dramatische Wirkung andererseits als rein kontemplatives Spektakel. Der Atlas lässt rituelle, ästhetische und volkstümliche Manifestationen, in denen der Mensch sich selbst im Kaktus oder den Kaktus in sich selbst erkennt, aufeinanderstoßen.
 
#Cactus Lovers (2017) ist eine laufende Studie darüber, wie sich der Mensch gegenüber dem Carnegiea gigantea cactus in der Wildnis verhält. Die Künstler zeigen eine Auswahl aus ihrer Sammlung von Amateurbildern (aus sozialen Medien wie Facebook, Instagram, Reiseblogs etc.), in denen vor allem die Sehnsucht nach einem verwandten Körper, in einer sowohl peripheren als auch touristischen Wüstengegend, deutlich wird. Ist diese kollektive Begeisterung Pflanzen nachzuahmen die Folge eines Social Media Trends oder ist dieses spontane Spiel eine natürliche Neigung?
 
Für Absurd Stories in Eight Crises (2015-2017) borgen sich die Künstler die Überschriften der acht Kapitel aus Luis Carrolls Roman "Hunting of the snark" und schreiben für jeden Titel eine neue Kurzgeschichte. Die Texte vermischen Alltägliches und Außergewöhnliches, Aufstand und Niederlage, Mythen und Kulturindustrie und verweisen auf die zuweilen vergeblichen Hoffnungen der Menschheit. Es sind die Attribute des Kaktus als Signifikant (ein Kalender, ein halluzinatorischer und regenerativer Saft, ein Zeuge, ein Kaktus-Auge, ein virales Wesen ...), die die Texte miteinander verbinden und sowohl historische als auch zeitgenössische, absurde Nachrichten in acht Krisen versammeln.
 
Im letzten Teil der Ausstellung zeigt die Doppelkanal-Videoinstallation Neither A, nor not-A (2015) eine anonyme Puppenspielerhand, die 48 japanische Buchstaben vor einem domestizierten Euphorbia-Kaktus zerlegt. Die Installation – eine Antwort auf Baldessaris Video Teaching a Plant the Alphabet, das selbst wiederum eine Antwort auf Joseph Beuys How to Explain Images to a Dead Gare ist –  hat im Gegensatz zu seinen Vorgängern, nichts mehr mit dem Ausdruck einer vermeintlich sinnlosen Geste zu tun. Während auf dem einen Bildschirm eine harte, schneidende Geste der Hand mit einem Samurai-ähnlich disziplinierten Sprechgesang vor einem Gitterrahmen sichtbar ist, entfaltet sich auf dem rückseitigen Bildschirm eine synchronisierte Montage von verschiedenen, auf organische Weise kollidierenden "Natur vs. Kultur" – Aussagen: Anti-Atomkraft-Poster, grinsende Katzen, Science-Fiction ähnliche U-Bahnwerbungen, getrimmte Büsche in Außenanlangen, magische Yakushima Geister... Was bleibt, ist Einwirkung auf das undurchsichtige und künstliche Wesen der Sprache als ein System von Zeichen.
 
Aufgrund der kolonialen Feldzüge der letzten Jahrhunderte – mit dem Beginn von Pflanzenhandel zunächst mit Botanischen Gärten, später dann auch für den individuellen Konsumenten – ist die ursprünglich in Mexiko und Südafrika beheimatete Euphobia Spezies zu einer domestizierten Pflanze auf der ganzen Welt geworden. In den kommenden Monaten werden Florenty & Türkowksy dieser Route in Mexiko, im zweiten Kapitel des Projekts mit dem Titel Nomida Nuda (Naked Names), folgen.

 



Elise Florenty
(b. 1978 in Pessac, FR) and Marcel Türkowsky (b. 1978 in Berlin, DE) live and work in Berlin. Studies in Theory of Cinema/Visual Arts (Nouvelle Sorbonne, Cergy-Paris Art School) and Ethnomusicology/Philosophy/Sound Studies (Humboldt University, UDK - Berlin University of the Arts). Since 2009 they are working together as artists/filmmaker duo, exploring the multiplicity of the self through a spiral of metamorphoses that interrogate our power relation - always shifting - to the Other. Major exhibitions include: Through Somnambular Laws, Le Plateau Paris, How To Awaken The Spectrum In Between, Izolyatsia Foundation, A Walking Paradox, Kinderhook & Caracas, Berlin, Hostipitalite, Iselp Brussels, Void of Memory, PLATFORM Seoul, Wheels of Memory, La Synagogue art centre Delme, Life Ticket, Les Églises art centre, Color Blind In Eight Crises, CAC Passage, among others. Their work has been showcased both in art venues and international Film Festivals such as FID Marseille, Centre Pompidou - Hors Pistes, IFF Rotterdam, DocLisboa, Torino Film Festival, Ann Arbor FF, EMAF, CCCB Barcelona, MAF Tokyo, BERWICK, FIC Valdivia, NFF London, CAPC Bordeaux, MAMCO Geneve, Palais de Tokyo Paris, Crédakino d'Ivry, Passerelle - Centre d’art contemporain Brest, CAC Vilnius, Muzeum Sztuki Łódź, La Triennale di Milano, MATADERO Madrid, Museu da Repùblica, Rio De Janeiro, among others. In 2014, their Film The Sun Experiment (Ether Echoes) received the EMAF Award.

Images: Florenty & Türkowsky, Blade Gesture, 2017, film still. Courtesy the artists.



Die Ausstellung wird unterstützt vom Institut Français, französisches Kultur-Ministerium, sowie Frankreich Gastland der Frankfurter Buchmesse 2017 („Frankfurt auf Französisch“).


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